2024 / Elzwiesen: Schöne bedrohte Natur- und Wiesenlandschaft am Südlichen Oberrhein


Veröffentlicht am 09.01.2024 in der Kategorie Natur & Naturschutz von Axel Mayer

Elzwiesen: Schöne bedrohte Natur- und Wiesenlandschaft am Südlichen Oberrhein


Inmitten der auf- und ausgeräumten Landschaft am Oberrhein, in der nach und nach ein durchgehendes Siedlungsband entlang der Vorbergzone entsteht, gibt es noch ein schönes, großes, naturnahes Wiesengebiet. Die Elzwiesen zwischen Kenzingen, Rheinhausen und Rust sind ein Landschafts- und Naturschutzgebiet das aus einer alten Bewirtschaftungsform (Wässerwiesen) entstanden ist. Die stille Wiesenlandschaft entlang der Elz ist ein wichtiges Brutgebiet für gefährdete Vogelarten und ein Rast- und Nahrungsgebiet für durchziehende Vögel.

Wiesen sind besonders bedroht
Im Jahr 2017 waren knapp zwei Drittel der in Deutschland vorkommenden Biotope gefährdet - wenn auch in unterschiedlichem Maße. Besonders dramatisch ist die Situation beim Grünland. Hier hat sich die Situation seit der letzten Fassung der Roten Liste von 2006 noch einmal deutlich verschlechtert.
Die Hauptursache für das Sterben von Insekten, wie Schmetterlingen und Bienen, ist die industrielle Landwirtschaft mit ihren Giften, der Überdüngung und die „pflegeleichte“ ausgeräumte, monotone Agrar-Landschaft. Aus zweimal gemähten artenreichen Wiesen wurden stark gedüngte artenarme Produktionsflächen für Biogasanlagen und Hochleistungskühe. Diese Entwicklung zeigt den besonderen Wert der Elzwiesen.

Für die Wässerung der Elz-Wiesen war und ist ein komplexes System aus Stellfallen und Wässerungsgräben nötig.
So funktioniert die Wiesenwässerung des Wasserverbands Elzwiesenwässerung:


Sofern die Elz ausreichend Wasser führt, wird in den Elzwiesen dreimal im Jahr gewässert: im Frühjahr (März)
im Sommer (August) und im Spätherbst (November). Wird im zeitigen Frühjahr gewässert, setzt das Pflanzenwachstum früher ein. Eine Wässerung im Sommer ermöglicht auch in Trockenphasen eine zweite Mahd der Wiesen.

Das Gebiet wurde per Verordnung am 6. November 1990 als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Es hat eine Fläche von 410,8 Hektar.
Der Schutzzweck des Naturschutzgebietes ist:
„Die Erhaltung eines großflächigen Wiesengebietes in der Elzniederung, mit einem naturnahen Flussabschnitt der Alten Elz im südlichen Bereich,


Der Druck auf die letzten Naturschutzgebiete am Oberrhein und die Elzwiesen wächst
Die Verrummelung des Feldberges und des nahe gelegenen Taubergießen überträgt sich auch auf die Elzwiesen. Die letzten naturnahen Gebiete ziehen auch Besucher an, und hier gibt es immer wieder Probleme. Das Einfahren ist nur für Bewirtschafter erlaubt. Tatsächlich aber fahren viele Besucher mit dem Auto übers Ringsheimer Sträßle ins Naturschutzgebiet. Sie lassen Hunde frei laufen und sie verlassen auch die Wege. Das ist nach der Schutzgebietsverordnung nicht erlaubt und bedroht die Wiesenbrüter. Im Norden grenzen die Elzwiesen an die laute, "schöne, neue Plastikwelt" des Europa-Parks in Rust.

Elzwiesen - Besucherdruck - Hund & Kiebitz...
Peter Berthold der bekannte Ornithologe und Bestsellerautor beschreibt in einem mehr als lesenswerten Beitrag in der Frankfurter Rundschau das Problem vieler Naturschutzgebiete:

"Da hinten im Ried haben immer Kiebitze gebrütet. Vor ungefähr zwanzig Jahren, ich könnte nachgucken, wann genau, haben sie aufgehört zu brüten. In diesem Gebiet ist früher im Winter mal ein einzelner Bauer zu Fuß unterwegs gewesen, mit einer Handsäge über der Schulter und einer Axt, und der hat an einer Hecke ein bisschen Brennholz geschnitten und geschlagen, das er später mit dem Pferdefuhrwerk heimgeholt hat. Das war alles. Wenn Sie heute im Januar, Februar, März an einem schönen Sonntag rausgehen, sind in demselben Gebiet, in dem früher dieser einzelne Mensch gelaufen ist, unter Umständen zweihundertfünfzig Leute unterwegs und mindestens fünfzig Hunde in allen Größen und Schattierungen, die sich fast alle unangeleint im Naturschutzgebiet herumtreiben. Wenn da ein einziger Kiebitz noch irgendwo sitzt, der sich vielleicht überlegt, ob er hier brüten könnte, dann steigt der auf, macht seinen „Whääähh! Whääähh!“-Warnruf, fliegt weiß Gott wie weit, hat fast keine Möglichkeit, irgendwo zu landen, weil überall Leute unterwegs sind, und verlässt das Gebiet. Der wird nie und nimmer in diesem Gebiet anfangen zu brüten. Denn freilaufende Hunde, das heißt für ihn: Das ist Wolfsgebiet, das regelmäßig bestrichen wird, und wenn er dort ein Gelege hat, wird das von den Viechern gefunden und aufgefressen. Das ist für ihn völlig indiskutabel."


Der Große Brachvogel in den Elzwiesen
Der Große Brachvogel ist einer unserer größten bodenbrütenden Wiesenvögel und eine typische, sehr seltene Art des Offenlandes der Elzwiesen. Früher vor allem auf brachliegenden Flächen zu beobachten, die es heute fast nicht mehr gibt. Dort brütete er seine Küken in Nestern auf dem Boden aus. Heute nimmt er auch mit Lebensräumen wie Mähwiesen und Äckern vorlieb. Mit seinem Federkleid ist er auf den Wiesen gut getarnt und kaum zu sehen. Häufig erkennt man ihn nur an seinem Ruf. Die Stimme ist ein lauter, sehr melodisch klingender Ruf, der wie "kuri li" klingt. Gerade streunende Hunde und Menschen abseits der Wege gefährden diese seltene Vogelart. Albert Reif, Professor für Vegetationskunde an der Universität Freiburg, schätzt den Bestand auf zehn Paare. Freilaufende Hunde, der Lärm des Europaparks, der Verkehr und der fortschreitende Flächenverbrauch setzen dem Vogel mit dem charakteristischen Schnabel zu. "Die Mortalitätsrate ist inzwischen höher als die Geburtenrate", sagt Reif. Da die Vögel 25 Jahre alt werden können, sei es ein langsames Verschwinden."


Die wenigen, erhalten gebliebenen, historischen Altstädte und die restlichen, viel zu kleinen Naturschutzgebiete am Oberrhein verbindet eines: Sie sind zunehmend Inseln in einem Meer von Scheußlichkeit.

Es gibt zwei Ansätze diesen Zielkonflikt zu lösen:


Der gegen unglaubliche Widerstände durchgesetzte Nationalpark Nordschwarzwald und die erfolgreichen Renaturierungsmaßnahmen an Elz und Dreisam zeigen den Weg.

Text & Bilder: Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer und Kreisrat im Landkreis Emmendingen


Empfehlenswerte Literatur zum Thema Elzwiesen
Das Natur- und Landschaftsschutzgebiet Elzwiesen. Herausragendes Naturpotential einer alten Kulturlandschaft. Herausgeber: Regierungspräsidium Freiburg, Fachschaft für Ornithologie Südlicher Oberrhein im NABU Deutschland. Reihe Naturschutz am südlichen Oberrhein, Band 5. 320 Seiten, 19 Euro. (leider aktuell vergriffen)




Elzwiesen: Selten gewordene Natur- und Kulturlandschaft am Oberrhein


Und die schöne neue, massiv expandierende Plastikwelt des Europapark Rust im Norden...


Nachtrag:
Naturschutz im Zentraleuropäischen Verdichtungsraum


Die Elzwiesen liegen im Herzen des Zentraleuropäischen Verdichtungsraums, der sogenannten Blauen Banane.
Die Blaue Banane bezeichnet eine dicht bevölkerte Zone, einen bandförmig - breiartigen verdichteten europäischen Großraum zwischen irischer See und Mittelmeer, dessen Urbanisierung eine Kette von zusammenwuchernden Agglomerationen mit bisher rund 111 Millionen Einwohnern bildet. Vorbild dieses wirtschaftsgeografischen Modells sind die anderen Verdichtungsräumen der Welt, etwa die großen Ballungsräume an den Küsten und großen Flüssen Asiens, wie dem japanischen Taiheiyō Belt. Raumordnerische Fehlentwicklungen und Zurückdrängung von Restnatur lassen sich europaweit überall im angedachten Verdichtungsraum erkennen. Am Oberrhein wuchert entlang der Vorbergzone des Schwarzwaldes von Basel nach Karlsruhe ein durchgängiger, gesichtsloser Siedlungsbrei. Klein gedachte Baugebiete wachsen zu hässlich wuchernden, breiartige Siedlungsstrukturen zusammen. Zwischen Freiburg und Offenburg bleiben auf der Strecke von 68 Kilometern heute nur noch 17 Kilometer Freiraum. Auf beiden Rheinseiten entstehen ohne jegliche erkennbare Raumordnung die hässlichen, neonschrillen Ortseinfahrten, Gewerbesteppen, Nichtarchitektur und die Billigbauten der Hypermarche-Kultur. Die jetzigen Naturschutzgebiete im Rheingraben werden zukünftig immer mehr zu verrummelten, naturnahen Stadtparks in der breiartig wuchernden Bandstadt.
Axel Mayer, Mitwelt Stifung Oberrhein




Aktuell: Erweiterung Nationalpark Schwarzwald: Säger, Jäger, FDP & CDU gegen Natur & Naturschutz

Infosammlung: Natur, Naturschutz & Naturgebiete, in Südbaden, im Elsass und am Oberrhein





Klimawandel,Feuer, Waldbraende, Artensterben,Windenergie
Immer mehr Klimawandelleugner und Energiewendegegner argumentieren mit gezielt vorgeschobenen "Artenschutz-Argumenten" gegen Energie aus Wind & Sonne. Bei den großen Bränden in Australien und in Amazonien sind Milliarden Tiere auf eine entsetzliche Art und Weise gestorben. Die menschengemachte Klimakatastrophe wird die globale Artenausrottung und das Waldsterben massiv beschleunigen. Diese Fakten müssen, auch wenn's uns Naturschützern manchmal schwerfällt, bei allen regionalen Planungsvorhaben in die immer notwendige Artenschutz-Betrachtung einbezogen werden.

Genau in dieser Frage unterscheiden sich gemeinwohlorientierte Naturschutzverbände von egoistischen Bürgerinitiativen.










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  • 3) Im Zweifel, gerade in Kriegszeiten, ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer Mitwelt Stiftung Oberrhein
Mit Zorn und Zärtlichkeit auf Seiten von Mensch, Natur, Umwelt & Gerechtigkeit.


Getragen von der kleinen Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)



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